Geschichte

Von Loccum nach Volkenroda

Der Pilgerweg Loccum-Volkenroda verbindet die ehemaligen Zisterzienserklöster Loccum in Niedersachsen und Volkenroda in Thüringen. Auf rund 300 Kilometern führt er durch eine abwechslungsreiche Naturlandschaft entlang von Weser, Leine und Unstrut, über Wesergebirge, Vogler und Solling sowie durchs Eichsfeld.

Entlang des Weges finden sich zahlreiche Klöster bzw. Klosterruinen, überwiegend auch zisterziensischen Ursprungs. Zusammen mit anderen sehenswerten Baudenkmälern lassen sie eine über Jahrhunderte währende Glaubensgeschichte lebendig werden. Darüber hinaus wird die ehemalige innerdeutsche Grenze überquert. So wird auch das Glück der friedlichen Revolution von 1989 erfahrbar. Zusammen kam, was zusammen gehört (frei nach Willy Brandt) – eine, wenn nicht überhaupt die Grundvoraussetzung, diesen alten Zisterzienser-Weg wieder gehen zu können!

Alte Spuren

Der Zisterzienserorden entstand 1098 mit der Gründung des Klosters Cîteaux (lat. Cistercium) durch den Benediktiner Robert von Molesme  und zwanzig weiteren Mönchen der Abtei Molesme. Der Orden verstand sich als Reformorden, der streng nach der Regel des Benedikt (5. Jahrhundert) leben wollte. Zu den Gepflogenheiten des Reformordens gehörte es, zumal in den ersten 100 Jahren seines Bestehens, dass ein Kloster nach dem Vorbild Jesu zwölf Mönche unter der Leitung eines Abtes zur Neugründung eines Klosters aussandte, sobald es dazu organisatorisch in der Lage war bzw. sich dazu, wie in Loccum,  durch eine Schenkung die Gelegenheit bot. Die Tochterklöster sollten nach dem Prinzip der „Filiation" (lat. Behandlung als Tochter) jährlich visitiert werden; damit wurde sicher gestellt, dass das Tochterkloster gemäß des Reformanspruchs lebte.

Im Jahr 1163 machten sich zwölf Mönche unter Leitung ihres Abts vom Zisterzienser-Kloster Volkenroda auf den Weg nach Norden, um in den Sümpfen rund um die Lucca-Burg ein neues Kloster zu gründen. Das neue Kloster blieb dem Mutterkloster verbunden. Alle Jahre wieder machte sich der Volkenrodaer Abt mit seinem Visitationstross auf den Weg nach Loccum – und dies wohl über viele Jahre, wohl bis zur Reformation des Klosters Loccum. Wie man von anderen Klöstern weiß (so etwa vom Kloster Altenberg), nahmen die Mönche in den nasskalten Monaten den Weg über die Berge, in den trockeneren Monaten entlang der Handelsstraßen, die gerne den Flussläufen folgten.

Neuer Weg

Über die genaue Route der Mönche zwischen Volkenroda und Loccum weiß man herzlich wenig, ja nicht einmal, ob es immer dieselbe Route sein musste oder gewesen ist. Insofern handelt es sich beim Pilgerweg Loccum-Volkenroda um einen wirklich „neuen Weg".

Anlässlich der EXPO 2000 in Hannover wurden erstmals wieder die beiden ehemaligen Klöster Volkenroda und Loccum verbunden. Von Volkenroda aus organisierten Jugendliche den „Jodokusweg", der die Bewahrung der Schöpfung zum Thema und Ziel hatte. Auf Betreiben des Loccumer Abts Horst Hirschler schließlich wurde der Christus-Pavillon vom EXPO-Gelände nach Volkenroda transferiert.

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Im Jahr 2002 startete der Theologe und Journalist Jens Gundlach von Loccum aus zu einer Pilgerreise nach Volkenroda, die er in seinem Pilgerbuch „Zwischen Loccum und Volkenroda" beschreibt. Die Route führt wohlgemerkt über die Berge und bezieht bewusst landschaftlich reizvolle Abschnitte, kultur- und kirchengeschichtlich markante Orte, Kirchen und Klöster ein. Damit war die Route des heutigen Pilgerwegs Loccum-Volkenroda im Wesentlichen festgelegt. Der Anfang war gemacht.

April 2005, unmittelbar vor dem Deutschen Evangelischen Kirchentag in Hannover, konnte der Pilgerweg offiziell „eröffnet" werden. Landesbischöfin Dr. Margot Käßmann hielt in Hameln die Eröffnungspredigt. Die Hannoversche Landeskirche erklärte den Pilgerweg zu ihrem Projekt. Unter Beteiligung von Ehrenamtlichen aus den Kirchengemeinden und Klöstern am Weg sorgte sie für die Ausschilderung des Weges, für die Bildung von Netzwerken und für spirituelle Angebote auf dem Weg.

In der Zielbestimmung des Pilgerwegs heißt es: „Der Pilgerweg Loccum-Volkenroda eröffnet die Möglichkeit, christlich geprägte Tradition ganzheitlich zu erleben und in Auseinandersetzung mit evangelisch geprägten spirituellen, kulturellen und künstlerischen Angeboten die eigene Persönlichkeit weiterzubilden [...]

Auf dem Weg kommen Pilgerinnen und Pilger ins Gespräch mit Menschen und in Kontakt mit besonders geprägten Orten und spirituellen Vollzügen. Dabei vergegenwärtigen sie ihre Sehnsucht nach Beziehung, Verwandlung und Segen.

Der Pilgerweg verwirklicht den Auftrag der Kirche, den Menschen zu helfen, ihren Weg zu Lebensgewissheit und zum Vertrauen auf die Güte Gottes zu finden. Zugleich lernt die Kirche, auf die Sehnsucht der Menschen zu hören und die eigene Sprachfähigkeit lebendig zu halten.

Zu Beginn des Jahres 2008 ging die Organisation des Pilgerwegs in die Trägerschaft des Hauses kirchlicher Dienste in Hannover über. Das Referat Pilgerweg Loccum-Volkenroda ist eingegliedert in den Fachbereich „Kirche im Tourismus". Im Haus kirchlicher Dienste ist seitdem das zentrale „Pilgerbüro" des Pilgerweges angesiedelt.

Das Radkreuz

Als Wegzeichen des Pilgerwegs Loccum-Volkenroda ist ein violett farbenes Radkreuz auf weißem Grund gewählt worden. Die Vorlage findet sich im Torhaus des Klosters Loccum. Es handelt sich dabei um ein bischöfliches Weihekreuz aus der Mitte des 13. Jahrhunderts, das sich über dem Eingang zur ehemaligen Frauenkapelle befindet.

Der Überlieferung nach wurden im Loccumer Torhaus Pilger willkommen geheißen, die auf der sogenannten „Bischofsroute" über Hannover nach Minden (Köln, Santiago de Compostela) unterwegs waren. Sie erhielten hier ihre Pilgersuppe und ggf. eine medizinische Versorgung, ehe sie zur Nacht in der Pilgerherberge einquartiert wurden.  

Damals galten die Zisterzienser in ganz Europa als ein besonders gastfreundlicher Orden. Bis an die Schwelle zur Neuzeit waren ihre Klöster bei den Pilgern sehr beliebt. Ihre mystische Ausrichtung in Theologie und Frömmigkeit ließ sie im Fremden Christus willkommen heißen und beherbergen. „Kommt ein Fremder, kommt Christus!" heißt es frei nach Mt. 25,40 ff. (Pilger = lat. Peregrinus, der Fremde). Zudem verstanden sie die Kirche als Leib Christi, die vielen Christenmenschen als seine Glieder. In ihrer Gastfreundschaft lebten sie diese unio mystica mit Christus selbst und der Christen untereinander. Entsprechend wird ihnen gerne jenes berühmte Leitwort zugeschrieben, das wahrscheinlich schon altrömischen Ursprungs ist: „Die Tür steht offen, das Herz noch mehr / porta patet, cor magis".

Das Symbol des Pilgerwegs Loccum-Volkenroda erinnert jedenfalls an das Loccumer Torhaus als Ort der Gastfreundschaft gegenüber Pilgern, an die viel gerühmte Zisterziensische Gastfreundschaft selbst, nicht zuletzt an jene Mönche, deren Liebe zu Christus weder große Mühen noch weite Wege scheute.

Tradition zu wahren heißt nicht, die Asche zu hüten, sondern die Flamme zu schützen, sagt ein altes Sprichwort (Jean Jaurès). In diesem Sinne mag denn am Pilgerweg Loccum-Volkenroda vom Evangelium her und in ökumenischer Perspektive die christliche Tradition des Pilgerns und der Gastfreundschaft lebendig werden.