Michael Wohlgemuth, Konventual-Studiendirektor im Kloster Loccum von 1996-2003
Eins von 850 Worten zum Kloster Loccum
„Beten und arbeiten“ – wem es Gott geschenkt hat, im Kloster Loccum und seinem Predigerseminar einige Jahre Lebenszeit zu verbringen, hat es gut: Denn hier ist für ein Minimum an Balance zwischen beidem gesorgt. Oder wenn nicht Balance, dann doch dafür, dass sich das Gebet als Seele des Lebens täglich gnädig einklagt. Nicht immer willkommen, beileibe nicht! Wenn die Hora-Glocke bereits läutet, aber der gerade sich anbahnende Gedanke noch seiner sichernden Niederschrift wartet oder das Gespräch seinen organischen Abschluss noch sucht. Aber es ist eine gnädige Unbarmherzigkeit, die um 18 Uhr zum Abendgebet in mönchischer Tradition in die Stiftskirche ruft. Schon der Weg durch den Kreuzgang lässt einen etwas ahnen vom Weg des Lebens. Jeder Gewölbebogen ein Abschnitt für sich, von Bogen zu Bogen ist es ein Weg auf Gott zu, doch bereits jetzt geschieht jeder Schritt unter dem Gewölbe, das er über dem Leben der Menschen ausspannt, und über meinem auch. Ein Weg von meditativer Kraft, schon bevor das Chorgestühl erreicht ist. Und dort zuerst einfach nur Stille. Andere, die schon im Schein der Kerzen auf das lauschen, was man nur zu leicht überhört. Darüber, wie zum Segen ausgebreitet, das mittelalterliche Christuskreuz im Chorgewölbe. Man glaubt sich unter den Mönchen, die hier jahrhundertelang gesungen und gebetet haben, mitsamt ihren frommen und unfrommen Gedanken, siebenmal am Tag und einmal zur Nacht. Abend für Abend dieser Weg zur Hora, am Ende eines Ausbildungstages, gelungen oder misstönig, gleichviel: Nun bist du wieder hier! Das prägt. Angenommen aus Gnade. Alle hier.
Joachim Liebig, Präsident der Ev. Landeskirche Anhalts
Kloster Loccum - eine Näherung auf unterschiedliche Weise
Klausurort der Schaumburg-Lippischen Kirchenleitung mit Landesbischof Jürgen Johannesdotter: Anfahrt bei neblig-verschneitem Wetter; nach dem Torhaus bleibt die Welt draußen; mit Zeit und bei guter Bewirtung abseits der Tagesordnung Grundsätzliches bedenken. Angenehm!
Eine Trauung im Kloster im Sommer: zu leicht gekleidet; alles friert; der Hall ist gewöhnungsbedürftig; das Vokalensemble erobert die Akustik. In Teilen wunderbar!
Neujahrsempfang mit der niedersächsischen Landesregierung: Im Refektorium drängt sich, wer Rang und Namen hat; wer nicht geladen ist, scheint verstimmt; man kennt sich, man grüßt sich, man reicht sich Kaffee; Anbahnung und Vertiefung von nützlichen Kontakten in historischem Rahmen; Abschluss mit der Andacht in der Klosterkirche; wieder kalt! Schöne Tradition!
Die beste öffentliche Toilette der norddeutschen Tiefebene an der Klostermauer: Wendepunkt der 60 km Fahrradschleife aus Petershagen-Frille kommend; im Sommer Gelegenheit für eine kurze Pause; im Winter keine Verwendung; bei Regen einmal unterstellen; die Hälfte ist geschafft; die Heimfahrt ein erneuter Sieg über den inneren Schweinehund. Erhebend!
Angenehm - wunderbar - traditionell - erhebend
Unterschiedliche Näherungen an einen Ort

